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Im Gespräch mit Marc Brütsch, Chefökonom bei Swiss Life Asset Managers «Wir sind mit einem blauen Auge davongekommen»

02.06.2021

Wie war die wirtschaftliche Entwicklung in den letzten 12 Monaten?
Zunächst war die wirtschaftliche Entwicklung stark am Geschehen der Pandemie ausgerichtet. Die negativen Auswirkungen konzentrierten sich zwar auf nur wenige Sektoren, wie das Hotel- und Gaststättengewerbe, dafür waren sie dort weit überproportional. In der zweiten Welle stellten wir erstaunlicherweise keinerlei Beeinträchtigungen der Lieferketten mehr fest. Dennoch war der Dienstleistungssektor im 1. Quartal 2021 in Deutschland und vielen anderen Ländern geschwächt. Wobei die Arbeitslosigkeit insgesamt weniger angestiegen ist als zunächst befürchtet. Gerade im Vergleich zur Finanzkrise 2008 sind die aktuellen Arbeitslosenzahlen noch überschaubar. Dennoch gehen wir von einem weiteren Anstieg der Arbeitslosenzahlen im Sommer aus. Das betrachten wir aufgrund der anspringenden Konjunktur allerdings eher als ein kurzfristiges Problem. Als erste Bewertung können wir sagen, dass die Wirtschaft wahrscheinlich noch mit einem blauen Auge davongekommen ist.

Ist die Entwicklung wie erwartet eingetreten oder gab es signifikante Abweichungen?
Als der Wirtschaftsschock im März 2020 kam, mußten wir in dieser bisher ungekannten Situation zunächst alle unsere Research-Methoden sowie vor allem die Modellrechnungen kritisch hinterfragen und anpassen. Schließlich haben wir vom Ausgangspunkt aus bewertet, von unten nach oben. Alles folgte der Frage, wie wichtig der einzelne Wirtschaftssektor für die gesamte Volkswirtschaft beziehungsweise das Bruttoinlandsprodukt ist. Die Prognosen trafen dann zu unserer Freude ziemlich exakt zu, zumindest über die letzten Quartale. Allerdings überschätzten wir die Fähigkeit der Behörden, in Europa ein funktionierendes Contact Tracing auf die Beine zu stellen. Wir rechneten damit, dass im Falle einer zweiten Welle die Eindämmungsmaßnahmen nur noch regional und zeitlich begrenzt verschärft werden müssten. Das gelang nicht, es muss hier schon von einem Behördenversagen gesprochen werden. Entsprechend lagen wir hier mit unserer Einschätzung falsch.

Welche Unterschiede erwarten Sie in der Entwicklung für das Jahr 2021 im Vergleich zu 2020?
Das Ende der Pandemie ist jetzt absehbar. In diesem Zusammenhang findet bereits ein starker Wirtschaftsaufschwung statt. Der Rest des Jahres wird von einer überdurchschnittlich wachsenden Wirtschaft geprägt sein. Allerdings wird es noch bis in die erste Jahreshälfte 2022 dauern, bis wir wieder die Wirtschaftskraft von Ende 2019 erreicht haben und selbst dann haben wir noch nicht das Trendwachstum der starken Jahre von 2010 bis 2018 erreicht.

Wie heftig wird die Pandemie Europa noch betriebswirtschaftlich und volkswirtschaftlich treffen?
Die betriebswirtschaftlichen Folgen sind immer besser überschaubar und die meisten Unternehmen werden noch in diesem Jahr entweder eine deutliche Erholung erleben oder sogar Rekordzuwächse. Volkswirtschaftlich ist die Situation anders. Viele Staaten setzen Konjunkturprogramme und Wirtschaftshilfen in einem bisher nie gekannten Maße ein. Diese historischen Schuldenberge müssen natürlich in der Zukunft abgebaut werden. Das wird mit Steuererhöhungen passieren und teilweise auch mit der Ausgabe von Anleihen mit ultralangen Laufzeiten zu aktuellen Nullzins-Konditionen. Auch Inflation hilft dem Staat, die Schulden zu verringern, daher ist diesem Risiko Rechnung zu tragen.

Wie stark ist die deutsche Wirtschaft im globalen Umfeld aufgestellt?
Deutschland ging wirtschaftlich geschwächt in die Pandemie. Nach zehn Jahren Aufschwung zeigten sich Schwierigkeiten in der Automobilindustrie. Diese Abhängigkeit von einigen wenigen Schlüsselindustrien bleibt kurzfristig eine Schwachstelle. Bei der Finanzkraft ist die Bundesrepublik allerdings hervorragend aufgestellt. Und gerade die exportstarken Branchen treiben bereits wieder mit großer Kraft die Konjunkturlokomotive an. Längerfristig verstärkt die Pandemie viele Trends, die bereits zuvor wirksam waren. Dazu gehören die digitale Transformation und die Verlagerung des wirtschaftlichen Mittelpunkts nach Asien. Ein Trumpf bleibt auf jeden Fall die überdurchschnittlich gute Ausbildung der Arbeitskräfte und die Exportstärke.

Was erwartet uns 2022?
Nach einer gewissen Euphorie über den nun einsetzenden Aufschwung wird es nächstes Jahr eine Normalisierung geben. Aufholeffekte sind dann nicht mehr zu erwarten, sowohl privat wie auch öffentlich. 2022 werden die fiskalpolitischen Maßnahmen zum großen Teil wegfallen. In Summe bleibt der Ausblick aber auch für 2022 positiv.

Marc Brütsch ist seit Abschluss des Studiums der Nationalökonomie und der Publizistikwissenschaften an der Universität Zürich für Swiss Life tätig. In den Jahren 1996 und 1997 lebte und arbeitete er in England. Anschließend übernahm er die Verantwortung für die Konjunkturanalyse als Grundlage der gruppenweiten Anlageentscheide bei Swiss Life. Seit März 2000 bekleidet er die Funktion des Chief Economist von Swiss Life Asset Managers. Wie auch bereits für die Jahre 2015, 2017 und 2019 zeichnete die Firma Consensus Economics in London ihn und sein Team jüngst für das Jahr 2020 mit dem seit 2013 vergebenen Gütesiegel „Forecast Accuracy Award“ für die beste Prognose zur Konjunktur in der Schweiz aus. Den gleichen Preis gewann er 2019 auch für seine Prognosen für die Eurozone.

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