Interview mit Marc Brütsch, Chief Economist Swiss Life Asset Managers

28.01.2026

„2026 ist für mich ein Übergangsjahr: weg von der reinen Krisenwahrnehmung, hin zu einer Phase, in der sich der Aufschwung langsam festigt.“

Wenn wir auf 2026 schauen: Mit welchem Gefühl gehen Sie ins neue Jahr?

Insgesamt mit vorsichtigem Optimismus. Ich weiß, das klingt für viele erst mal ungewohnt, weil die Stimmung gerade in Deutschland ziemlich gedrückt ist. Aber wenn man sich die Daten anschaut, dann sind die zugrunde liegenden Tendenzen deutlich besser als das, was man aktuell in der öffentlichen Wahrnehmung hört.

Woran machen Sie diesen Optimismus konkret fest?

Zum einen sehen wir, dass sich die europäische Wirtschaft zyklisch erholt. Das war schon 2025 sichtbar, vor allem in Ländern wie Spanien und Italien, aber eben auch langsam in Deutschland. Für 2026 rechnen wir hierzulande mit rund einem Prozent Wachstum – nach etwa 0,3 Prozent in diesem Jahr. Das ist keine Boomphase, aber es ist eine klare Beschleunigung. Es wird sich einfach besser anfühlen als 2025.

Viele Menschen empfinden die wirtschaftliche Lage trotzdem als sehr schwierig. Wie erklären Sie diese Diskrepanz?

Da gibt es tatsächlich eine Art Schere. Auf der einen Seite haben wir eine sehr skeptische, teilweise fast düstere Stimmung – geprägt von geopolitischen Krisen, Handelskonflikten und Unsicherheiten. Auf der anderen Seite zeigen die harten Zahlen, dass sich etwas aufbaut. Die Privatwirtschaft ist erstaunlich robust, die Reallöhne steigen, die Kaufkraft der Haushalte hat sich verbessert. Das kommt in den Köpfen aber noch nicht richtig an.

Welche Rolle spielt die Geldpolitik für 2026?

Eine wichtige, aber eher stabilisierende Rolle. Die EZB hat die Zinsen gesenkt, die Geldpolitik ist also lockerer als zuvor. Was uns etwas überrascht hat, ist, dass die Kreditvergabe der Banken – gerade in Deutschland – trotzdem relativ zurückhaltend geblieben ist. Für 2026 gehen wir davon aus, dass sich das langsam bessert. Die Finanzierung sollte schrittweise wieder leichter werden, auch wenn wir keine Rückkehr zu früheren Dynamiken sehen.

Ein zentraler Punkt in Ihren Prognosen ist der Fiskalimpuls. Was bedeutet das konkret für 2026?

Das ist aus meiner Sicht einer der entscheidenden Faktoren. In Deutschland kommen jetzt die großen Infrastruktur- und Verteidigungsprogramme ins Spiel. Wenn der Staat deutlich mehr investiert, dann wirkt das wie ein Anschub für die gesamte Wirtschaft. Dieser Effekt ist in den Daten für 2026 sichtbar, auch wenn er in der öffentlichen Debatte noch kaum eine Rolle spielt. Wenn diese Investitionen dann in konkrete Projekte und Jobs übersetzt werden, kann das viel Vertrauen zurückbringen.

Wie schätzen Sie das internationale Umfeld für 2026 ein?

Der Handelsstreit, vor allem mit Blick auf die USA, dürfte an Schärfe verlieren. In den USA selbst werden steigende Preise zunehmend zum politischen Thema, gerade im Hinblick auf die Zwischenwahlen. Das lenkt den Fokus weg von neuen Zollkonflikten. Für Europa bedeutet das zumindest kurzfristig etwas Entlastung. Die größere Herausforderung wird eher der Wettbewerb mit China bleiben, etwa für die deutsche Industrie.

Und wenn wir speziell auf Deutschland und Europa schauen?

Für 2026 erwarten wir, dass Deutschland und Frankreich wieder stärker zu Wachstumslokomotiven in der Eurozone werden. Das ist ein gewisser Rollentausch im Vergleich zu den letzten Jahren, in denen vor allem die südlichen Länder vorne lagen. Die Binnenkonjunktur in Europa gewinnt an Bedeutung, und das ist grundsätzlich eine gute Nachricht.

Was heißt das alles für die Immobilienwirtschaft?

Die Erholung kommt, aber sie kommt langsamer, als viele gehofft haben. Die Nachfrage nach Wohnraum bleibt hoch, daran hat sich nichts geändert. Auch institutionelle Investoren werden wieder mehr Interesse an Immobilien entwickeln. Gleichzeitig gibt es Konkurrenz durch andere Anlageformen, etwa durch Infrastrukturinvestitionen oder Staatsanleihen. Für 2026 gilt: Die Rahmenbedingungen verbessern sich, aber die Bäume wachsen nicht in den Himmel.

Wenn Sie 2026 mit einem Wort beschreiben müssten – welches wäre das?

Übergang. 2026 ist für mich ein Übergangsjahr: weg von der reinen Krisenwahrnehmung, hin zu einer Phase, in der sich der Aufschwung langsam festigt. Es wird nicht spektakulär, aber es wird stabiler – und das ist nach den letzten Jahren schon eine gute Nachricht.

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