Marc Brütsch

Offene Immobilienfonds

Im Gespräch mit Marc Brütsch, Chefökonom bei Swiss Life Asset Managers «Wir sind bereits dabei die Rezession zu überwinden»

Wie sieht Ihre wirtschaftliche Prognose für die kommenden sechs Monate aus?

Im 3. Quartal gab es eine erfreuliche wirtschaftliche Erholung im Vergleich zum desaströsen 2. Quartal. Teilweise haben wir sogar zweistellige Wachstumszahlen gesehen. Allerdings kam dann die zweite Infektionswelle und die Erholung wurde in voller Fahrt zu guten Teilen ausgebremst. Für Deutschland erwarten wir im 4. Quartal insgesamt dennoch eine leicht positives Wachstumsergebnis.

Welche Unterschiede sehen Sie in der aktuellen Entwicklung im Vergleich zum 2. Quartal?

Wir haben inzwischen wertvolle Erfahrungswerte und können die Wirksamkeit von Maßnahmen besser abschätzen und damit auch die Wirtschaft schonender durch die Krise führen. Der zweite Lockdown ist folglich gezielter. Dann halten dieses Mal die Lieferketten und wir haben keine Produktions-Unterbrechungen. Positiv ist, dass wir einen jahreszeitlichen Transport-Rekord auf der Straße erleben, was sich anhand der LKW-Maut-Zahlen gut ablesen lässt. Dann hilft uns dieses Mal die globale Wirtschaftsentwicklung mit der deutlichen Erholung der asiatischen Länder. Sie stützen starke Exportnationen wie Deutschland. Beruhigend ist auch die relativ stabile Situation der Finanzmärkte.

Welche anderen Faktoren werden die europäische Wirtschaft 2021 stark beeinflussen?

Die Pandemie wird auch 2021 ein dominanter Faktor sein. Wichtig wird allerdings auch sein, wie sich die Wirtschaftspolitik in den USA entwickelt. Denn die Handelsstreitigkeiten zwischen den USA, Asien und der EU werden virulent bleiben, unabhängig davon, wer US-Präsident ist. Allerdings dürfte mit einem neuen Präsidenten die Planungssicherheit steigen.

Wie können wir die größte Wirtschaftskrise seit dem zweiten Weltkrieg meistern?

Viele Staaten haben zügig reagiert und teils massive Finanzhilfen für ihre Wirtschaft angekurbelt. Es geht hier darum, die Zeit bis zu einer ausreichenden Verfügbarkeit von Impfstoffen zu überbrücken, und in diesem Punkt haben die europäischen Regierungen vieles richtig gemacht.

Wie stehen die Chancen, dass wir die Rezession 2021 in den Griff bekommen?

Wir hatten die Rezession grundsätzlich bereits in Teilen überwunden. Das laufende Stop-and-Go in der zweiten Welle führt allerdings zu einer deutlichen Verlängerung der Erholungsphase. Wir gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung von 2019 wohl erst wieder im Sommer 2022 erreicht wird. Positiv formuliert, wir sind bereits dabei die Rezession zu überwinden.

Wie realistisch ist es, dass wir zu der wieder gut anlaufenden Konjunktur in Asien rasch aufschließen?

Viele asiatische Volkswirtschaften, allen voran China, sind sehr dynamisch. Deshalb werden wir aktuell ins Hintertreffen geraten. Mittelfristig sehe ich aber durchaus gute Gründe für ein selbstbewusstes Auftreten der Europäer und der USA.

Wird Europa gestärkt oder geschwächt aus der Krise gehen?

Wichtig wird sein, dass Europa sowohl in der Wirtschafts- wie auch der Fiskalpolitik stärker zusammenwächst. Nur das dürfte es ermöglichen, entscheidende Weichen für die Zukunft zu stellen und rechtzeitig Mittel in zukunftsträchtige Branchen, Unternehmen und Technologien zu investieren.

Marc Brütsch ist seit Abschluss des Studiums der Nationalökonomie und der Publizistikwissenschaften an der Universität Zürich für Swiss Life tätig. In den Jahren 1996 und 1997 lebte und arbeitete er in England. Anschließend übernahm er die Verantwortung für die Konjunkturanalyse als Grundlage der gruppenweiten Anlageentscheide bei Swiss Life. Seit März 2000 bekleidet er die Funktion des Chief Economist von Swiss Life Asset Managers. Wie auch bereits für die Jahre 2015 und 2017 zeichnete die Firma Consensus Economics in London ihn und sein Team jüngst für das Jahr 2019 mit dem seit 2013 vergebenen Gütesiegel „Forecast Accuracy Award“ für die beste Prognose zur Konjunktur in der Schweiz aus. Den gleichen Preis gewann er für 2019 erstmals auch für seine Prognosen für die Eurozone.

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