Im Gespräch mit Marc Brütsch, Chefökonom bei Swiss Life Asset Managers «2022 wird ein gutes Jahr für die Wirtschaft»

29.12.2021

Hat sich die Wirtschaft 2021 bisher so entwickelt, wie Sie das erwartet haben?
Ja, vor allem haben wir erwartet, dass die negativen Einflüsse der zweiten und dritten Pandemie-Welle auf die wirtschaftliche Entwicklung nicht mehr so groß werden würden wie beispielsweise im zweiten und dritten Quartal 2020. Dabei halfen und helfen speziell die Finanzspritzen beziehungsweise die Fiskal-Politik der EU, die Auswirkungen deutlich zu dämpfen. Die Inflation war allerdings etwas höher als wir es prognostiziert hatten. Dafür hat sich wiederum die Arbeitsplatz-Situation deutlich schneller entspannt.

Was sind die Haupttreiber der Entwicklung im Jahr 2021 gewesen?
Die Auswirkungen der Pandemie auf die Wirtschaft sind sicher der Hauptreiber. Dabei war der im weltweiten Vergleich höhere Impffortschritt in der EU von besonderer Bedeutung. Mit Blick auf die gesamte Weltwirtschaft sehen wir aktuell jedoch eine deutlich asynchrone Erholung. Die 20 größten Wirtschaftsnationen erholen sich spürbar schneller, gerade im Vergleich zur Finanzkrise 2008/2009. Dafür hinken andere Nationen hinterher und werden mehr Zeit für die Erholung der heimischen Wirtschaft brauchen. Mit Ausnahme einzelner Branchen, wie der Automobilbranche mit dem Mangel an Chips, sehen wir in Summe auch eine Entspannung bei den Lieferketten. Die Holzindustrie hat schnell beim steigenden Bedarf nachgezogen und auch in der Baustoffbranche entspannt sich die Lage zunehmend.

Wie sind die Aussichten für 2022?
Die Impfquoten werden weiter steigen und in der Folge die Pandemieauswirkungen weiter reduzieren. Auch die Schwierigkeiten in den Lieferketten sowie dem Transportwesen entspannen sich weiter. Lediglich die Chipmangel-Thematik wird uns etwas länger begleiten. Dann hat die Wirtschaft gelernt, deutlich besser mit der pandemischen Lage umzugehen. Die Geldpolitik der EU und der EZB wird schrittweise wieder Vorkrisenniveau erreichen und damit eine Normalisierung erfahren. Unmittelbare Zinserhöhungen sehen wir für 2022 in der EU allerdings nicht. 2022 wird ein gutes Wirtschaftsjahr.

Welche Faktoren werden im kommenden Jahr die Weltwirtschaft besonders beeinflussen?
Die bereits erwähnte Entspannung bei der Rohstoff- und Halbwarenverfügbarkeit wird eine wichtige Rolle spielen. Die Probleme bei den Lieferketten werden in fast allen Branchen gelöst werden. Insgesamt steht uns mit 2022 ein Jahr der weiteren Erholung bevor. Als Risiken sehen wir weiter Großthemen wie den nach wie vor ungelösten Handelsstreit zwischen China und den USA. Auch die in 2022 anstehenden Zwischenwahlen in den USA bergen Unwägbarkeiten für die Wirtschaft.

Wie sehen Sie das kommende Immobilienjahr 2022?
Die Immobilienmärkte werden aufgrund der Negativ- und Niedrigstzinspolitik weiter eine Nachfrage verzeichnen. Damit bleibt uns allerdings auch die Rendite-Kompression erhalten und es wird keine Entspannung bei den Preisen geben. Wir gehen davon aus, dass beispielsweise die Nachfrage nach Büroimmobilien speziell in guten Lagen wie den zentralen innerstädtischen Geschäftsvierteln stabil bleiben wird. Neue Büroimmobilien werden allerdings langfristig nur Chancen haben, wenn sie konzeptionell neu gedacht werden und auf die hybride Arbeitswelt inklusive der Home-Office-Beschäftigung eingehen. Insgesamt bleiben die Immobilienmärkte eine Herausforderung.

Marc Brütsch ist seit Abschluss des Studiums der Nationalökonomie und der Publizistikwissenschaften an der Universität Zürich für Swiss Life tätig. In den Jahren 1996 und 1997 lebte und arbeitete er in England. Anschließend übernahm er die Verantwortung für die Konjunkturanalyse als Grundlage der gruppenweiten Anlageentscheide bei Swiss Life. Seit März 2000 bekleidet er die Funktion des Chief Economist von Swiss Life Asset Managers.
Wie auch bereits für die Jahre 2015, 2017 und 2019 zeichnete die Firma Consensus Economics in London ihn und sein Team jüngst für das Jahr 2020 mit dem seit 2013 vergebenen Gütesiegel «Forecast Accuracy Award» für die beste Prognose zur Konjunktur in der Schweiz aus. Den gleichen Preis gewann er 2019 auch für seine Prognosen für die Eurozone.

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