Im Gespräch mit Dr. Andri Eglitis, Ausblick 2019

Nach einem turbulenten ersten Halbjahr 2020: Was erwartet uns volkswirtschaftlich in der zweiten Jahreshälfte in Deutschland und der Eurozone?

Es wird nach unserer Einschätzung weiter aufwärtsgehen, wie einige Konjunkturindikatoren bereits andeuten, z. B. verbesserte Einkaufsmanagerindices und der ifo Geschäftsklimaindex. Deutschland dürfte dank seiner Finanzkraft und damit verbundenen Konjunkturpaketen besser durch die Zeit kommen als andere europäische Länder. Aktuell gehen wir für die Eurozone für dieses Jahr von einem Minus der Wirtschaftsleistung um 6,4 % aus, gefolgt von einem Anstieg um 5,3 % in 2021. Deutschland dürfte sich mit einem BIP-Rückgang um 4,8 % besser halten, aber relativ im nächsten Jahr mit + 4,0 % schwächer abschneiden.

Wie schätzen Sie die Auswirkungen der Pandemie auf den deutschen Immobilienmarkt ein?

Die Vielfalt des Immobilienmarktes erfordert eine deutliche Unterscheidung der Wirkungen auf die einzelnen Sektoren. Wie stark hängen diese an der Konjunktur? Und welche speziellen Einschränkungen gibt es durch die Pandemie? Die notwendige «soziale Distanz» dürfte Bereiche wie Handel, Gastronomie und vor allem Hotels noch längere Zeit einschränken und damit zu Insolvenzen und Mietausfällen führen. Dagegen wird ein Grundbedürfnis wie Wohnen von der Pandemie wenig berührt. Die größte Unsicherheit betrifft den Bürosektor, auf den Dauer bzw. Eindämmung der Pandemie und damit verbunden die Konjunktur und Stimmung der Unternehmen genauso wirken wie strukturelle Faktoren, z. B. flächensparende Bürokonzepte. Auf längere Sicht bleiben jedoch langfristige Trends, z. B. Urbanisierung oder Digitalisierung, die entscheidenden Treiber für den Immobilienmarkt.

Welche Nutzungsarten sind weiterhin attraktiv?

An erster Stelle steht Nutzungen für die Erfüllung der Grundbedürfnisse: Wohnen für alle Altersklassen, also auch spezielle Angebote für Senioren, Einzelhandel mit Schwerpunkt Nahversorgung, aber auch die zugehörige Logistik. Zudem soll die Diskussion um Homeoffice nicht verbergen, dass Büroimmobilien weiter gebraucht werden, wobei moderne, flexible Flächen in zentralen Lagen im Fokus stehen sollten.

Wie schätzen Sie das aktuell viel diskutierte Inflationsrisiko ein?

Das Risiko einer deutlich steigenden Inflation zeichnet sich auf kurze und mittlere Sicht nicht ab, sollte jedoch angesichts der fiskalpolitischen Maßnahmen im Blick behalten werden. Auf kurze Sicht spricht vor allem die geringe Kapazitätsauslastung der Wirtschaft gegen inflationäre Tendenzen. Auf mittlere Sicht haben wir die Inflationserwartung leicht nach oben angepasst, bleiben aber weiter deutlich unter dem 2 %-Ziel der EZB.

Der Living + Working ist sowohl geografisch als auch über verschiedene Nutzungsarten diversifiziert aufgestellt. Ein Vorteil, vielleicht sogar Schutz vor möglichen «Corona-Effekten»?

Der Living + Working profitiert von seiner breiten sektoralen Diversifikation, gerade durch die Standbeine Wohnen und Healthcare mit ihrer geringen Abhängigkeit von der Konjunktur. Effekte durch die Pandemie lassen sich grundsätzlich nicht ausschließen, aber die Strategie des Fonds schafft Stabilität im aktuellen Marktumfeld.

 

Dr. Andri Eglitis leitet das Immobilienmarkt-Research Deutschland der Swiss Life Asset Managers. Neben der Analyse der Immobilienmärkte in Deutschland ist er mit seinem Team für die Märkte in Nord- und Osteuropa zuständig. Vor seiner Zeit im Swiss Life Konzern war der promovierte Diplom-Geograf im Research bei CBRE, RREEF (heute DWS), Corpus Sireo und IPD/MSCI tätig.

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